Allgemein, Beziehung, Partnerschaft, Verhaltensänderung, Versöhnung

Trennung als letzter Ausweg?

In letzter Zeit erlebe ich viele Paare die kurz vor einer Trennung stehen, oder sich bereits getrennt sind. Auf beiden Seiten gibt es große Verletzungen, Schuldzuweisungen und das Gefühl versagt zu haben.

Jeder der Partner hat das Gefühl, alles ihm Mögliche versucht zu haben. Keiner sieht eine Chance, die Beziehungssituation zu verändern, Trennung scheint der einzige Ausweg.

Ist die Trennung dann vollzogen, stellt sich in der Regel kaum eine Verbesserung der emotionalen Situation der getrennten Partner ein. Gerade wenn Kinder mit im Spiel sind, und dadurch auch in Zukunft gemeinsame Absprachen nötig sind, geht der Streit und die Verletzungen unendlich weiter.

Ein Teufelskreis gegenseitiger Vorwürfe

Alles wäre gut, wenn Du Dich endlich ändern würdest! Schauen Sie genau hin: Ist das wirklich wahr?

Meine persönliche Erfahrung ist, dass es sehr schwer ist, mit Menschen umzugehen, die gekränkt sind. In jeder Paarbeziehung finden über die Jahre viele gegenseitige Verletzungen statt – auf beiden Seiten, hat sich ein großer Berg an Kränkungen angesammelt. Da reicht ein falscher Blick, ein falsches Wort, das einen ganz tief in der Seele verletzt. Man ist gekränkt und reagiert dementsprechend. In der Regel setzt sich hier ein Teufelskreis in Gang. Wenn sich ein Partner verletzt fühlt, zahlt er es mit gleicher Münze zurück. In der Regel kennen Partner sich so gut, dass sie genau wissen, an welcher Stelle sie den anderen treffen können (das läuft auf einer unbewussten Ebene ab!) Auf eine erlittene Kränkung folgt eine Gegenkränkung; auf Verletzung eine Gegenverletzung, so schraubt sich ein Streit immer weiter – bis einer aussteigt!

Welcher Mechanismus steckt dahinter?

Rein sachlich betrachtet gibt es keine Probleme, es gibt Herausforderungen und unterschiedliche Ansichten. Als klar denkende Menschen finden wir in jeder Situation eine vernünftige Lösung – immer!

Gelingt uns dies nicht, liegt es nicht an der Sache selbst, sondern an unseren Emotionen (in diesem Fall belastende Gefühle, wie ich fühle mich zurückgewiesen, gedemütigt, schuldig, beschämt, ängstlich, enttäuscht, abgelehnt, verachtet, nicht geliebt sein….). Wenn unsere Emotionen die Oberhand gewinnen, setzt der Verstand aus und wir re-agieren nach unserem persönlichen Notfallprogramm: Flucht – Angriff – oder Totstellen!

Dieser Mechanismus greift immer dann – und nur dann, wenn alte Schlüsselverletzungen getriggert werden. Durch ein spezielles Verhalten unseres Partners werden „unsere Knöpfe“ gedrückt, die alte schmerzhafte Emotionen wachrufen. Gewinnen diese Emotionen die Oberhand, sind wir nicht mehr in der Lage als erwachsene Menschen („Erwachsenen-Ich“) zu agieren, wir re-agieren aus unserem verletzen „Kind-Ich“.

Das vermeidlich negative Verhalten unseres Gegenübers löst dieses Reaktionsmuster in uns aus, ist aber nicht die Ursache

Es ist ganz wichtig, sich das bewusst zu machen. Irgendwo gibt es in uns eine alte Verletzung und diese bringt den Prozess in Gang. Jeder, der in einen Streit verwickelt ist, hat seine ganz persönliche Sichtweise, basierend auf den jeweiligen Erfahrungen. Unsere Einschätzung des Verhaltens unseres Partners, ist nicht objektiv. Kommt es zum Streit, lautet die Botschaft von beiden Beteiligten: Du bist schuld! Du bist nicht OK! So beginnt sich das Karusell zu drehen, jeder versucht sich zu rechtfertigen und darzulegen, dass die eigene Reaktion nur die Ursache auf ein unsachgemäßes Verhalten des jeweiligen Partners ist. Dieses Spiel lässt sich ewig fortführen. Im Kern ist es eine Diskussion um die Frage: Was war zuerst, die Henne oder das Ei?

Auflösung der Pattsituation

Entwirrung aus diesem Konflikt gibt es dann, wenn einer anstatt zurück zuschießen (in welcher Form auch immer: innerer Rückzug kann genau so verletzend wie Angriff sein) innehält und bei sich bleibt. Anstatt Schuld zu verteilen, genau in sich selber hinein zu horchen, was einen ganz persönlich verletzt hat. Wenn ich mich um meine eigenen Verletzungen kümmere, kann ich aktiv etwas tun, um die Gesamtsituation zu verändern.

Sobald einer mit der Arbeit beginnt, verändert sich etwas. Schneller geht es natürlich, wenn beide an sich selber arbeiten, doch das ist nicht zwingend notwendig.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Sie erkennen hinter den Kränkungen, wieviel sie sich als Partner bedeuten und wagen einen Neubeginn ihrer „alten“ Beziehung. Sind sie sich bewusst, dass es trotz bester Vorsätze Rückfälle ich alte Verhaltensmuster geben kann, doch wenn sie dran bleiben, werden Sie immer schneller einen Weg zueinander finden.
  2. Sie erkennen, dass Sie sich auseinander gelebt haben und beschließen Ihren Weg allein weiter zu gehen. Eine Trennung in gegenseitiger Wertschätzung und Frieden wird möglich.

 

Weiterführende Literatur :

(Bitte nutzen Sie die Bücher ausschließlich dafür, Ihre eigenen Verhaltensmuster zu erkennen, es ist nicht Ihre Zuständigkeit, die „Fehler“ Ihres Partners zu analysieren. Das ist sein Job und dafür muss er seinen eigenen Weg finden.)

Klaus Sejkora: Trennung oder Neubeginn

Stefanie Stahl: Das Kind in Dir muss Heimat finden

Bärbal Wardetzki: Nimm´s bitte nicht persönlich

3 Gedanken zu „Trennung als letzter Ausweg?“

  1. Der Mensch ist seriell Monogam. Sich also nach einer gewissen Zeit zu trennen und einen neuen Partner zu suchen entspricht unserer Veranlagung. Das gesellschaftliche Konstrukt einer längeren Partnerschaft oder Ehe steht diesem entgegen. Da kann man einen Ausgleich finden aber darf auch nicht Eingeschnappt sein wenn es scheitert. Wer diesen Spagat in der einen Beziehung nicht schaft, wird es vermutlich in der nächsten auch nicht. Paarberatungen und Ähnliches halte ich gelinde gesagt für Abzocke. Mag ja sein, dass es den einen oder anderen akuten Fall gibt wo es nützt aber eine Gesichtscreme hält auch nicht das Altern wirklich auf.

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    1. Danke für den Hinweis. Dass wir mit der Monogamie unsere Schwierigkeiten haben, können wir überall sehen. Im Grunde ist es ein gesellschaftliches Konstrukt, da bin ich ganz Deiner Meinung. In anderen Kulturen wird das Zusammenleben ganz anders geregelt. Wenn es allen Paaren gelänge – und zwar beiden Parteien zu akzeptieren, dass eine Beziehung sich auseinandergelebt hat, gäbe es kein Problem und wäre auch Paarberatung obsolet.

      Meine Erfahrung ist allerdings, dass eine Trennung in seltenen Fällen reibungslos abläuft. Oft möchte ein Partner die Beziehung fortführen, während der andere längst draußen ist. Kränkungen und Verletzungen führen zu Machtkämpfen. Dieses Spiel geht nach der Trennung oft weiter, vor allem wenn es gemeinsame Kinder gibt.

      Ein großes Thema sind auch Gefühle von Schuld und Versagen. Ob wir es wollen oder nicht, konservative Wertvorstellungen wie „bis dass der Tod uns scheidet“ wirken.

      Paarberatung kann gute Dienste leisten, sich von alten Verletzungen und Glaubensmustern zu lösen und einen friedliche Trennung hinzubekommen. Voraussetzung ist allerdings, dass beide Partner an einer friedlichen Lösung interessiert sind, und bereit sind, den eigenen Anteil für die Differenzen anzuerkennen und loslassen kann. Wenn beide Partner sich mit sich selbst auseinander setzen und alte Muster auflösen, kann es passieren, dass eine Trennung gar nicht mehr nötig wird. Die Beziehung kommt auf einer neuen Stufe an. Die alten Beziehung ist beendet und ein Neubeginn ist von beiden gewünscht, oder eben eine friedliche Trennung in gemeinsamem Einvernehmen. Das bekommt man, wenn es gut läuft auch alleine hin, doch manchmal ist ein neutraler Blick von außen sehr hilfreich, um die Verstrickungen zu entwirren.

      Wenig hilft Paarberatung, wenn ein Partner noch in seiner Kränkungswut verhaftet ist. Solange keine Bereitschaft besteht, den eigenen Anteil zu sehen, wird es schwierig. Hier kann in einem Einzelgespräch, der sich trennende Partner unterstützt werden, die Angriffe nicht persönlich zu nehmen und bei sich zu bleiben. Meist schießt derjenige nämlich zurück und trägt so dazu bei, dass der Streit sehr lange aufrecht erhalten bleibt. Das hat den Effekt, wie wenn ständig wieder neu Öl ins Feuer gegossen wird.

      Jedes Paar das sich in einer Trennungsphase befindet, wird wissen, ob externe Hilfe nötig ist, oder nicht. Aus meiner Sicht ist es ein Versuch wert!

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      1. Nicht zu vergessen sind Einflüsse von „Freunden“ so nach dem Motto, „Das darfst du dir nicht gefallen lassen.“ Selbst wenn sogar Fremdgehen des Partners in der Beziehung selbst nicht zur Trennung führt, wird von außen eine Reaktion darauf verlangt. Neider gibt es überall.

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