Allgemein, Eltern-Kind-Beziehung, Psychologie, Verhaltensänderung

Wenn Kinder trotzen….

Der Trotz kommt aus heiterem Himmel
Bisher war Ihr Kind ausgeglichen, fröhlich und kooperativ. Plötzlich ist alles anders, es führt sich auf wie Rumpelstilzchen. Es wirft sich auf den Boden, schreit und strampelt und möchte um alles in der Welt seinen Willen durchsetzen. Was ist passiert?

Gesunder Entwicklungsschritt
Der Trotz ist eine natürliche Entwicklung, er ist eine Unabhänigkeitserklärung Ihres Kindes. Das Kind macht seine ersten Schritte und beginnt, sich aus der kompletten Abhängigkeit von den Eltern zu einem teilweise unabhängigen Individuum zu entwickeln. Es ist ein ganz wichtiger Schritt der Selbstwerdung Ihres Kindes. Diese Entwicklung wiederholt sich in der Pubertät. Interessant zu wissen ist, je stärker die Bindung an eine Bezugsperson ist, desto massiver fallen die Abgrenzungsmanöver aus, daher erklärt sich die unterschiedliche Reaktion der Kinder bei Mutter und Vater, oder bei Erzieherinnen.

Wir alle wollen einzigartige, selbstbewusste und starke Kinder. Damit unsere Kinder Ihren eigenen Stil, einen eigenen Rhythmus, eine unverwechselbare Individualität ausbilden können, bedarf es körperlicher und geistiger Autonomie. So ist es ganz natürlich, dass die Kinder sich von Ihren Eltern abgrenzen und sich auflehnen. Betrachten Sie die wachsende Unabhängigkeit Ihres Kindes als Geschenk – nicht als Problem.

Eine gute Beziehungsbasis schaffen
In diesem Alter brauchen Kinder Eltern, die sie wertschätzen und anleiten. Je mehr die Eltern versuchen, einzugreifen und Grenzen zu setzen, desto mehr Machtkämpfe wird es geben. Druck erzeugt Gegendruck. Auch wenn das Kind rebelliert und sich unseren Vorstellen widersetzt, sollte unsere Botschaft als Eltern sein: „Du bist okay, so wie du bist, und wir lieben dich“. Entscheidend ist, dass das Kind die Eltern und Bezugspersonen als verlässliche Vertrauenspersonen erleben.

Auf unsere innere Haltung kommt es an
Mit dieser inneren Grundeinstellung fördern Sie eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder, hin zu selbstbewussten und beziehungsfähigen Erwachsenen:

  • Versuchen Sie sich in Ihr Kind einzufühlen. Woher kommt der Ärger? Vielleicht ist es mit sich selbst unzufrieden, weil es etwas noch nicht so gut kann, wie erwartet. Den Pullover selber anzuziehen stellt sich als schwieriger heraus wie gedacht, darüber ist das Kind wütend…
  • Wir lieben Dich grundsätzlich so, wie Du bist – was nicht heißt, dass wir alle Deine Verhaltensweisen gut heißen
  • Wir unterstützen Dich auf dem Weg in Deine Eigenständigkeit. Du musst Dich nicht verbiegen, um unsere Erwartungen zu erfüllen
  • Du brauchst Dich nicht übermäßig anzupassen, um unseren Strafen zu entgehen. Natürlich erlauben wir Dir nicht alles und es gibt gewisse Regeln, jedoch ist es Dir erlaubt und sogar erwünscht, dass Du einen eigenen Willen hast
  • Du darfst Nein sagen, ohne Liebesentzug oder beängstigende Reaktionen von uns befürchten zu müssen. Wir werden Deinem Willen zwar nicht immer nachgeben, aber Du hast gute Chancen, uns von Deinem Willen zu überzeugen

Selbstwirksamkeit fördern
Durch diese liebevollen elterlichen Botschaften bekommt das heranwachsenden Kind Halt und Orientierung, es lernt, so wie es ist, grundsätzlich in Ordnung zu sein. Das Kind lernt, sich selbst zu akzeptieren, dass es Einfluss auf die Geschehnisse hat und seine Leben gestalten kann, es erlebt Selbstwirksamkeit. Unsere Kinder erwerben so eine innere Grundhaltung, dass sie wertvoll sind und geliebt werden. Kinder, deren Willen und Bedürfnisse nicht beachtet werden, entwickeln eher ein Gefühl von Ohnmacht in Bezug auf ihre Mitmenschen.

Frustrationstoleranz lernen
Nicht immer kann alles nach unseren Wünschen gehen, diese Erfahrungen machen nicht nur Kinder in der Trotzphase. Frustrationstoleranz ist die Fähigkeit, mit Niederlagen, Enttäuschungen und unerfüllten Wünschen umgehen zu können. Das betrifft uns letztlich alle: Rückschläge, Niederlagen, Misserfolge, Fehler – all diese Dinge passieren. Jedem von uns. Sie sind Teil des Lebens und auch wichtiger Teil unserer Persönlichkeitsentwicklung. Über den Dingen zu schweben, ist leicht. Aber wie wir damit umgehen, wenn wir hinfallen, wann und wie wir wieder aufstehen, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht – das macht den entscheidenden Unterschied. Auf diesem Weg können wir unsere Kinder schon sehr früh unterstützen, indem wir ein gutes Vorbild sind, wie wir mit Problemen und Hindernissen umgehen. Aber auch durch die zuweilen erlebte Hilflosigkeit und ob und wie wir lernen, Frust und Kummer zu ertragen und diesen zu überwinden.

Trost und Schutz
Ihr Kind bekommt seinen Willen nicht und tobt vor Wut. Am besten zählen sie innerlich bis zehn und bleiben Sie ruhig, machen Sie ich bewusst: Irgendetwas bringt mein Kind in Rage, es hat seinen Grund! Versuchen Sie die Situation von außen zu betrachten und nehmen Sie es nicht persönlich. Verzichten Sie auf verbale Appelle während eines Wutanfalls, die kommen nicht an. Das gleiche gilt für „Wenn-dann-Drohungen“, die erhöhen den Druck und verstärken den Konflikt.
Kleinkinder sollte man lieber in den Arm nehmen und trösten, schließlich werden sie von ihren Gefühlen regelrecht überfallen. Oft suchen sie dann Schutz bei Mama oder Papa. Werden sie zurückgewiesen, weil sie so schreien, sind sie zusätzlich enttäuscht. Ein Teufelskreis, den nur die Eltern durchbrechen können. Dieser kleine Mensch kann in der Trotzphase seine Emotionen noch nicht regulieren. Wenn das Kind überfordert ist, überfällt es der Frust. Beispielsweise im Supermarkt, wenn von ihm erwartet wird, superlieb zu sein und auf die vielen süßen Verlockungen zu verzichten. Kinder und Jugendliche müssen es erst lernen, in solchen Stresssituationen ihre Wut und Ihren Frust selbst regulieren zu können, dazu brauchen sie uns als verlässliche Unterstützung an Ihrer Seite.

Auch wir haben nicht immer die Kontrolle über unsere Gefühle.  Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie überreagiert haben, und übernehmen Sie die Verantwortung dafür. Und dann vergeben Sie sich selber.

Ihr Kind sagt: „Ich kann es selber!“, „Nein, lass mich“. Signalisieren Sie Ihrem Kind, dass sie es respektieren und unterstützend zur Seite stehen, das kann z.B. so klingen: „Oh, wie wunderbar! Lass mich wissen, wenn du Hilfe brauchst.“ Wenn das Kind „Nein“ sagt, dann geben Sie ihm/ihr eine Minute oder zwei, und Sie werden erleben, dass es seine Meinung ändert. Wenn Kinder nicht „Nein“ sagen dürfen, dann bleibt ihnen nur übrig, „Jawohl“ zu sagen, und so verlieren sie ihre Würde.

Sich selbst im Blick haben
Das Autonomiestreben unserer Kinder und unsere Schwierigkeit, angemessen darauf zu reagieren, ist Teil unserer eigenen Entwicklung. Wir können uns fragen, warum wir uns so schwer damit tun, dass unser Kind so vehement seinen eigenen Willen behauptet? Wo stehen wir selber für uns und unsere Bedürfnisse ein? Können wir Nein sagen und unsere eigenen Grenzen wahren? Aus meiner Erfahrung führen uns, unsere nach Autonomie strebenden Kinder, an unsere ganz persönlichen Grenzen, sie fordern uns heraus, uns mit uns selber auseinander zu setzen. Wenn wir uns diesen Fragen stellen, können unsere trotzenden und pubertierenden Kinder interessante Lehrmeister für uns werden.

Ich wünsche Ihnen viel Geduld und Gelassenheit im Umgang mit Ihren Kindern und sich selbst!

Weiterführende Literatur: Jesper Juul: „ Das kompetente Kind“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s