Allgemein, Beziehung, Eltern-Kind-Beziehung, Trauma

Gewalt in der Erziehung hat viele Gesichter

Hören wir von Gewalt in der Erziehung oder sogar sexuellem Missbrauch von Familienmitgliedern, sind wir schockiert und denken, oh mein Gott was gibt es doch für schlimme Dinge, die Eltern ihren Kindern antun. Entspannt lehnen wir uns zurück und sind froh, dass es so etwas Schreckliches in unserer Familie nicht gibt. Doch es braucht keine physische Gewalt um nachhaltige Verletzungen in der Psyche eines Menschen zu hinterlassen. Es gibt viel subtilere Formen von emotionaler Gewalt, die tagtäglich in Familien stattfindet.

Ich denke, für uns als Eltern ist es immer wieder notwendig, uns selbst und unsere  Erziehungsmethoden zu hinterfragen. Steigt unser persönlicher Stresslevel an, verfallen wir leicht in Verhaltensmuster, die wir selber schmerzhaft in unserer  Kindheit erlebt haben. Wir sagen Sätze, die uns früher verletzt haben, obwohl wir uns fest vorgenommen haben, liebevoller und geduldiger mit unseren eigenen Kindern zu sein.

Ich möchte mich da selber gar nicht herausnehmen, wenn ich zurückblicke auf die letzten 14 Jahre, seit unser erster Sohn geboren worden ist, sind viele Dinge passiert, viele Dinge gesagt worden die grenzwertig sind. Immer wieder gelange ich an persönliche Grenzen und schwanke zwischen den rigiden Erziehungsmethoden mit denen ich groß geworden bin, und einer liebevoll empathischen Beziehung.

Wenn ich höre, mein Kind ist so aggressiv, so passiv, so schwierig, etc. werde ich hellhörig, alles hat seinen Grund. Was ist in dieser Familie los, dass das Kind verhaltensauffällig ist? Meine Erfahrungen ist, Kinder sind Symptomträger, niemals die Ursache von Schwierigkeiten.

Gewalt braucht keine körperlichen Übergriffe
Für eine gesunde Entwicklung braucht ein Kind liebevolle Annahme, Zuwendung und Geborgenheit. Verlässliche Bezugspersonen, die das Kind versorgen und umsorgen, an die sich wenden kann mit seinen Sorgen und Ängsten. Geht das Vertrauen in die liebevollen Absichten der Eltern verloren, fühlt sich das Kind nicht mehr sicher und geborgen, es fühlt sich hilflos ausgeliefert. Dieses Ohnmachtsgefühl ist für die Psyche traumatisch und brennt sich ein. Wenn die Menschen, die für Schutz und Geborgenheit zuständig sein sollten, einem Schmerzen zufügen, ist das für ein Kind schwer zu begreifen. Vor allem dann, wenn die Strafe für das Kind überraschend kommt oder aus Kinderperspektive nicht nachvollziehbar erscheint. Je willkürliche die Übergriffe, desto schlimmer ist die psychische Verwirrung. Es bleibt die ständige Frage, wann passiert es wieder? Je häufiger das Kind Gewalt erlebt, desto mehr lebt es in Angst und Schrecken. Wie gesagt, es braucht keine tätlichen Übergriffe, um ein Kind zu verunsichern, es gibt eine Vielzahl von elterlichem Verhalten, dass dramatische Auswirkungen auf die Entwicklung unseres Selbstbewusstseins und unsere Selbstwahrnehmung hat.

Gerade die Abhängigkeit eines Kindes, von den nächsten Bezugspersonen macht es so verletzlich. Emotionaler Missbrauch hat viele Gesichter.

Mangelnde Stressregulation
Säuglinge und Kleinkinder sind nicht in der Lage ihre Emotionen selbst zu regulieren. Sie brauchen die körperliche Nähe und den Schutz ihrer Bindungsperson (idealerweise ihrer Mutter), um ein gesundes Nervensystem entwickeln zu können.

Finden Kleinkinder diesen Schutz in Stress-Situationen nicht, kann sich die Stressregulation des Nervensystems nicht richtig entwickeln, die Folge ist ein verringertes Toleranzfenster im Umgang mit Angst und Stress. Menschen mit schwacher Selbstregulationsfähigkeit fühlen sich häufig von den eigenen Emotionen überwältigt.

Wer kennt sie nicht, Sätze wie „Schreien trainiert die Lungen!“, „Ein Kind darf man nicht verwöhnen!“, „Wichtig ist ein 4- stündiger Stillrhytmus!“, „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!“, etc. Ich bezweifle, dass diese Erziehungsmethoden dem Schutzbedürfnis von Säuglingen und Kleinkindern gerecht werden.

Kinder alleine lassen

Eltern sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihr Kind zu beaufsichtigen, so dass ihm und Dritten kein Schaden entsteht. Konkrete Vorgaben, wie lange Eltern ihre Kinder in welchem Alter allein lassen dürfen, gibt es aber nicht. Das bedeutet, dass die Entscheidung in erster Linie im Ermessen der Eltern liegt. Grundsätzlich aber gilt: Je jünger das Kind, desto strenger legen die Gerichte diese Aufsichtspflicht aus. Bis zum dritten Lebensjahr dürfen Eltern demnach ihre Kinder im Grunde überhaupt nicht allein lassen. Aber solange nichts passiert, interessiert sich in der Regel auch kein Gericht dafür.

Je jünger Kinder sind, desto weniger haben Sie ein Gefühl für Zeit. Für ein Säugling der im Schlaf alleine zu Hause ist, aufwacht und weint, ohne dass jemand kommt und ihn beruhigt, können zehn Minuten eine Ewigkeit bedeuten. Kinder, die sehr früh und regelmäßig alleine gelassen wurden, „gewöhnen“ sich an den Zustand und nehmen ihn hin. Ich arbeite immer wieder mit Erwachsenen, die scheinbar unerklärliche Verlassenheitsängste haben, schaut man in der Biographie zurück, wurden sie bereits als Säuglinge häufig alleine gelassen.

Früher war es ganz normal Kinder sich selbst zu überlassen, auch bei längeren Krankenhausaufenthalten war sogar nicht erlaubt, dass Eltern bei ihren Kindern blieben. Sind Eltern gut im Kontakt mit Ihren Kinder, haben Sie ein Gefühl dafür, wann wo und wie lange sie ihre Kinder alleine lassen können, ohne dass die Kinder dadurch verunsichert werden.

Überbehütung
Ängstliche Eltern bremsen ihre Kinder in ihrem natürlichen Streben nach Autonomie. Zusätzlich können sich die ängstlichen Gefühle der Eltern auf die Kinder übertragen. 

„Ich will selber!“ ist der Startschuss für die Entwicklung in die Eigenständigkeit. Für Eltern kostest es Zeit und Geduld, den Kindern ihre eigenen Erfahrungen zu lassen, doch nur so können sie lernen sich, in der Welt zurecht zu finden. Kinder lernen nur durch eigenes Tun, selbst mit Herausforderungen und Problemen umzugehen. Die Hilfe ist fast immer gut gemeint, doch genauso oft einfach zu viel. Gerade Mütter sollten sich hinterfragen, was Ihre Motivation ist: Um wen geht es eigentlich? Brauche ich es, gebraucht und unverzichtbar zu sein?

Emotionale Vernachlässigung
Die äußeren Rahmenbedingung stimmen, es gibt genug zu essen, passende Kleider, eine warme Stube, doch für die Ängste, Sorgen, Nöte und auch Freuden des Kindes gibt es keine angemessene Resonanz, die Gefühle des Kindes laufen ins Leere.

Kinder sind reines Gefühl, zunächst ist Weinen die einzige Ausdruckform. Das Kind braucht ein einfühlsames Gegenüber, dass dieses Weinen richtig deutet (Hunger, Müdigkeit, Reizüberflutung, volle Windel, etc) und angemessen darauf reagiert. Mit der Zeit lernt das Kleinkind durch diese Spiegelung und Verbalisierung von außen, seine Gefühle einzuordnen und zu benennen.

Einem Kind Vorgaben zu machen, wie es sich zu fühlen hat, in Form von:  „Hör auf zu weinen“ (bei Trauer)  „Jetzt beruhige dich wieder“ (bei Wut oder Verstimmung)  „Stell Dich nicht so an“ (bei Hemmungen) ist emotionale Gewalt. Eltern, die ihrem Kind sagen, es soll wegen einer Sache nicht weinen oder sich nicht ärgern, signalisieren dem Kind, dass seine Gefühle falsch und unangemessen sind. Das Kind lernt, seine Gefühle zu unterdrücken und verliert über die Zeit den Bezug zur eigenen Wahrnehmung und damit seine innere Orientierung. Es lernt „Ich kann mich auf meine Gefühle nicht verlassen!“ „Ich bin nicht richtig“

Materielle Überversorgung
Viele emotional vernachlässigte Kinder werden von ihren Eltern materiell überversorgt. Der Antrieb ist meist ein schlechtes Gewissen seitens der Eltern. Sie wissen unterbewusst, dass sie sich nicht ausreichend um ihr Kind kümmern.

Dahinter steckt keine böse Absicht (wie in allen anderen Fällen des Missbrauchs). Trotzdem findet auch hier emotionaler Missbrauch in mehrfacher Hinsicht statt.  Dem Kind wird vorenthalten, was es wirklich braucht – nämlich Liebe und Zuwendung (= Emotionale Vernachlässigung).  Statt dessen bekommt es etwas, das es nicht braucht – mit der Erwartung sich dankbar und glücklich zu zeigen (= Diktat der Gefühle). Da das Kind sich nicht freuen kann, aber noch nicht in der Lage ist, die Situationen zu durchschauen, entsteht bei dem Kind das Gefühl, schlecht und undankbar zu sein (= Aufbürdung von Schuldgefühlen).

Was in den Augen der Eltern oft eine Lappalie, ein Spaß oder eine notwendige erzieherischen Maßnahme ist, ist für ein Kind ein belastendes Erlebnis, mit weitreichenden Konsequenzen. Mein Anliegen ist es, den Blick zu schärfen, für unseren alltäglichen Umgang mit unsern  Kinder.

Fremdzuschreibungen
Aussagen wie „Ich wünschten Du wärst wie Cousin A, Bruder B, Schwester C oder Kind D“ verunsichern ein Kind in hohem Maße. Es lernt, dass seine Person fehlerhaft und ungenügend ist. Dem Kind wird so Bestätigung für sein einzigartiges Wesen vorenthalten, welches es lebensnotwendig braucht, um dein gesundes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein entwickeln zu können. Die Botschaft ist, „Sei nicht Du selbst!“

Erfüllungsgehilfe für die Wünsche der Eltern
Wer sein Kind dazu treibt, seine eigenen unerfüllten Träume zu leben, begeht doppelten emotionalen Missbrauch. Dem Kind werden Erwartungen aufgebürdet, die kein Mensch jemals erfüllen kann: Das Leben und die Träume eines anderen zu realisieren. Egal wie sehr es sich bemüht, es wird immer versagen. Die Eltern wollen Ihre eigenen Mangelerfahrungen mit Hilfe der eigenen Kinder kompensieren. Es interessiert sie nicht, ob das Kind Freude am Klavierspiel, am Skifahren, oder am Elefantenfüttern hat, die Hauptsache ist, dass ihre Vorstellungen von einer perfekten Kindheit erfüllt werden.

Zum anderen bekommt das Kind keine Unterstützung darin, seinen eigenen Weg zu finden und gehen zu können. Solche emotional missbrauchten Kinder landen oft in gänzlich unpassenden Berufen. Sie wundern sich ihr Leben lang, warum sie nicht glücklich sind und warum sie eine „unsichtbare Last“ (die Last des Versagers) mit sich herumtragen. Der Glaubenssatz der sich einprägt ist: „Ich bin nicht gut genug!“

Spott und Häme
„Du kannst das eh nicht!“,“Du bist einfach zu dumm für Mathematik!“, „Wie Du wieder aussiehst!“ „Das ist typisch, schon wieder hast Du alles versabbert, Du kannst einfach nicht essen!“, „Immer stellt Du Dich so tollpatschig an!“,  „Immer stolperst Du über Deine eignen Füße, du bist zu blöd um zu laufen!“ „Von Deinem Gejaule bekomme ich Ohrenschmerzen, hör besser auf zu singen!“

Spüren Sie nach, was machen diese Sätze mit Ihnen? Versetzten Sie sich in die Lage eines kleinen Kindes, Sie merken schnell, wie entmutigend diese Aussagen wirken.

Sich über die Intelligenz, das Aussehen, die Fähigkeiten, die Ausdrucksweise oder den Wert eines Kindes lustig zu machen, zerstört sein Selbstwertgefühl. Spott und Häme richten mehr Schaden an, als gemeinhin angenommen wird. Selbst das begabteste Kind ist nicht in der Lage, sich in der Welt zu behaupten, wenn es sich innerlich lächerlich und wertlos fühlt, die Botschaft die sich einbrennt ist: „Ich bin nicht richtig!“

Geringschätzige Vergleiche
Eltern, die ihrem Kind geringschätzig sagen „Du bist wie dein Vater / deine Mutter / dein Onkel / deine Oma“ erkennen die Einzigartigkeit des Kindes nicht an und werten es ab.

Allmählich beginnt das Kind, sich mit den negativen Eigenschaften seiner Familienmitglieder zu identifizieren und entwickelt daraus tiefe Minderwertigkeitsgefühle und Scham.

Liebesentzug
„Wenn Du so bist, dann hat dich die Mutti nicht mehr lieb!“ „Du bist ein böses Kind, Du machst mich ganz traurig!“ „Wenn Du nicht folgst, werde ich richtig böse!“

Die Verantwortung für die Gefühle der Eltern wird dem Kind übertragen. Die Mama wird böse, oder traurig und hat mich nicht mehr lieb, weil ich mich falsch verhalten habe. Dies ist eine völlige emotionale Überforderung für Kinder. Kinder haben einen natürlichen Entdeckungsdrang und oft noch kein Verständnis für die Regeln der Welt der Erwachsenen, erst allmählich lernen sie sich in diesen Grenzen zu bewegen.  Kinder machen Dinge nicht aus einer bösen Absicht heraus,  und schon gar nicht um ihre Eltern zu kränken.  Drohen die Eltern mit Liebesentzug, und Nichtbeachtung ist das eine existenziell bedrohliche Situation für ein Kind.

Sagt die Mutter, dass das Kind schuld an Ihrer Traurigkeit ist, wird das Kind lernen, alles zu machen, um die Mama in Zukunft glücklich zu sehen. Kann das ein Kind schaffen? Straft ein Vater sein Kind durch Nichtbeachtung, indem er mehrer Stunden oder Tage nicht mehr mit dem Kind spricht, führt das zu einer nachhalten Verunsicherung. Das Kind lernt: „Ich darf nicht egoistisch sein“ „Ich muss mich um andere kümmern“ Ich bekomme nicht, was ich wünsche, denn meine Wünsche sind unbedeutend“ „Ich bin wertlos“, „Ich bin nicht wichtig“.

Schweigen und Nichtbeachtung
Kinder spüren instinktiv, dass sie auf die liebevolle Unterstützung der Eltern angewiesen sind. Sie sind zu 100 % abhängig von der Gunst der Eltern.

Für ein Kind ist es eine existenzielle Bedrohung, wenn es nicht gesehen wird. Schweigen wirkt wie eine emotionale Mauer – die Eltern sind nicht mehr verfügbar, auch wenn sie körperliche anwesend sind. Dies ist eine maximale Verunsicherung für die kindliche Psyche. Was kann ich tun, um die Liebe von Mama oder Papa wieder zugewinnen? Das Kind hat das Gefühl aus dem Nest gefallen zu sein und weiß oft gar nicht warum. 

Es gibt Studien, die zu dem Schluss kamen, dass Schweigen als Strafe sogar schlimmere Folgen hat als alle anderen Formen von Gewalt. Prügelnde oder schreiende Eltern sind zwar nicht angenehm, jedoch ein lebendiges Gegenüber. Es gibt immerhin eine Verbindung. Von dieser negativen Verbindung können wir uns innerlich abgrenzen, oder wütend darauf sein. Liebesentzug ist vollständiger Beziehungsabbruch. Kleine Kinder haben noch kein Gefühl für Zeit, eine Stunde kann eine gefühlte Ewigkeit sein. Wird die Mama mich je wieder Liebhaben? Bestimmt bin ich falsch!

Das Kind wird tief verunsichert in seinem Selbstempfinden, fühlt sich schuldig und wertlos, wobei die Mama oder der Papa als stark und überlegen wahrgenommen wird. Eine wütende Abgrenzung findet nicht statt.

Heute Erwachsene berichten von strafenden Eltern und deren tagelangem eisigen Schweigen. Zurück bleibt ein Gefühl von großer Verunsicherung, Angst vor Nähe, mangelndes Vertrauen. Mit diesem inneren Grundgefühl ist es schwer, vertrauensvolle Beziehungen einzugehen, groß ist die Angst vor erneuter Zurückweisung und Beziehungsabbruch. 

Kinder als Trophäe
Selbstverständlich sind wir alle stolz darauf, wenn unsere Kinder etwas besonders geleistet haben, das ist bis zu einem gewissen Grad auch völlig normal. Kritisch wird es allerdings dann, wenn Eltern Ihre Kinder benutzen, um ihr eigenes Ich zu stabilisieren und zu verwirklichen. Wenn erwartet wird, dass Kinder Höchstleistungen mit nach Hause bringen, besonders klug, oder schön zu sein, wenn die Erfolge der Kinder wie  eigene Trophäe herumgezeigt werden und damit angegeben wird.

Werden die gewünschten Leistungen nicht gebracht, gibt es Strafen, Beschimpfungen, oder andere Sanktionen. Es ist sehr verletzend, wenn das Kind merkt, dass die Liebe der Eltern an Bedingungen geknüpft ist und es Zuwendung nur in Form von Anerkennung für Leistung, gute Schulnoten, gutes Benehmen, sportliche Erfolge, etc. bekommt.

Durch die Erwartungen der Eltern, möglichst perfekt sein zu müssen, verlieren die  Kinder das Gefühl, ein liebwerter Mensch zu sein. Ein gesunder Selbstwert bildet sich nicht aus, dafür eine Vielzahl von negativen Glaubenssätze, die das spätere Leben schwer machen: „Ich bin nicht gut genug“ „Ich bin nicht liebenswert“  „Ich muss perfekt sein“ „Ich darf  keine Fehler machen“.

Auf ein goldenes Podest gestellt werden
„Du bist mein Ein und Alles!“ Du bist mein Sonnenschein!“ „Du bist das Beste, das mir je passiert ist!“ Im Grunde ganz liebevolle Aussagen, doch spüren Sie hin, welche Konsequenzen sich daraus für das Kind ergeben: „Ich bin für das Glück meiner Eltern verantwortlich!“ Kann irgendjemand diesem Anspruch gerecht werden, für das Glück eines anderen Menschen zuständig zu sein?

„Lieblingskinder“ haben später in eigenen Beziehungen meist große Probleme, da Sie sich für die Wünsche und Bedürfnisse des Partner verantwortlich fühlen, und eigene Bedürfnisse unterdrücken, um für ein harmonisches Miteinander zu sorgen. Ganz tief geprägt hat Sie der Glaubenssatz : „Ich bin zuständig, dass es allen gut geht“.

Irgendwann kann das auch genau ins Gegenteil umschlagen, wenn erkannt wird, dass die eigenen Bedürfnisse viel zu lange unterdrückt worden sind, wird von heute auf morgen jegliche Verantwortlichkeit gekündigt. Dies stößt Beziehungspartner vor den Kopf und verunsichert Kinder in hohem Maße.

Trennung oder Scheidung
40 Prozent aller Ehen werden in Deutschland geschieden, das ist eine Realität, mit der viele Kinder zurecht kommen müssen und können. Die Trennung an sich ist nicht das Problem, schwierig wird es, wenn die Eltern aufgrund ihrer eigenen Verletzungen den Blick für die Kinder verlieren. Der Verlust eines Elternteils durch Trennung oder Scheidung kann bei einem Kind starke Verlassenheitsängste hervorrufen. Die starke emotionale Verbundenheit zu beiden Elternteilen führt beim Kind unter Umständen zu schweren Loyalitätskonflikten. Durch Abwertung eines Elternteils fühlen sich die Kinder selbst in ihrer Person abgewertet, da sie sich als ein Teil ihrer Eltern begreifen.

Besonders überfordernd ist es für Kinder, in die Scheidungsschlacht hineingezogen zu werden.  Zum Beispiel wenn das Kind den Partner ausspionieren soll oder es als seelischer Abfalleimer benutzt wird und sich anhören muss, wie furchtbar der jeweils andere Partner ist.

Partnerersatz
Kriselt es in der Beziehung, werden oft die Kinder in den Mittelpunkt gerückt. Kinder haben feine Antennen für die emotionale Atmosphäre in der Familie. 

Schenkt der Vater seiner heranwachsenden Tochter mehr Aufmerksamkeit als seiner Frau oder ist die Mutter zärtlicher zum Sohn als zu ihren Mann? Durch diese Bevorzugung fühlen sich Kinder deutlich aufgewertet, weit über ihren normalen Status als Kind hinaus. Das Kind zahlt einen hohen Preis für diese diese Machtstellung, geht der Status unmerklich mit einer emotionalen Überforderung einher.

Sehr belastend für Kinder ist es, wenn die Mutter oder der Vater aus Verzweiflung  Sorgen beim Kind ablädt und von ihm Hilfe erwartet. In so einer Situation suchen die Kinder besonders häufig die Schuld bei sich, wenn sich der Zustand des Vaters oder der Mutter verschlechtert.

Rollenumkehrung – Parentifizierung
Können Eltern ihre Elternfunktion nicht ausüben, z.B. wegen Krankheit, schlüpfen Kinder in diese Rolle. Meistens übernehmen ältere Kinder die Elternfunktion für jüngere Geschwister und den Haushalt, sie fühlen sich verantwortlich für das Funktionieren der Familie und für die Mutter.

Diese Kinder und Jugendliche sind sehr verantwortungsbewusst, sie sind angepasst und verlieren oft die kindliche Spontanität, Lebhaftigkeit und Sorglosigkeit. Kinder, die stellvertretend für ihre Eltern Verantwortung übernehmen, entwickeln sehr häufig hohe Anforderungen an sich selbst. Sie Sie sind emotional stark belastet, durch die Spannung zwischen einem Gefühl der Macht und der Angst zu versagen.

Durch Rollenumkehrung bleiben natürliche kindliche Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Mitgefühl unerfüllt. Das Kind ist für die Eltern da, statt umgekehrt. Die Auswirkungen von Rollenumkehrung sind vielfältig. Das Peter Pan Syndrom, der Junge, der nie erwachsen werden wollte (oder konnte), ist eines der Symptome. Unbewusst sucht er für den Rest seines Lebens nach seiner verlorenen Kindheit. Beziehungshopping ein anderes. Längst erwachsene Frauen und Männer, die als Kinder emotional vernachlässigt wurden, suchen vergeblich in ständig wechselnden Partner, die Elternliebe, die sie nie erfahren haben.

Kein Platz für Trauer
Trauer erfüllt eine wichtige Funktion. Sie dient der Verarbeitung von Verlust und Enttäuschung. Aus der Perspektive eines Kindes, ist der Tod der geliebten Katze ein riesiger Verlust. Unter Umständen ist schon eine Kugel Eis, die in den Schmutz fällt ein großes Drama. Emotional kompetente Eltern geben ihren Kindern Raum, Zeit und Mitgefühl, damit diese ihre Trauer durchleben und so den richtigen Umgang mit Trauer lernen können.

Wer Trauern gelernt hat, kommt in angemessener Zeit über jeden Verlust hinweg. Anders verhält es sich bei Erwachsenen, die dazu erzogen wurden Trauer zu unterdrücken oder schlicht nicht wissen, wie man trauert. Betroffene, die an „unerklärlicher Traurigkeit“ leiden, tragen oft kumulierte und blockierte Trauer aus frühsten Kindheit in sich.

Bestrafung von Wutausbrüchen
Ein Kind, das zu extremen Wutausbrüchen neigt, ist ein innerlich tief verzweifeltes Kind, das sein ungestilltes Bedürfnis nach Liebe, Zuwendung und Mitgefühl zum Ausdruck bringt. Eltern, die den Schmerz des Kindes durch emotionale Unnahbarkeit und Vernachlässigung selbst kreiert haben, verschlimmern die Pein durch Bestrafung oder Gleichgültigkeit.

Narzisstischer Zorn
„Ich hätte Dich nie bekommen sollen!“ „Wenn Du so weiter machst, kommst Du ins Heim für schwer erziehbare Kinder!“ „Aus Dir wird nie was!“ „Ich bist zu nichts zu gebrauchen!“ Die oft unkontrollierten und unvorhersehbaren Wutausbrüche narzisstischer Eltern, erzeugen große Angst. Kinder sind sehr bemüht es den Eltern recht zu machen, um den nächsten Wutausbruch zu verhindern, doch in der Regel sind ihre Bemühungen zwecklos. So leben sie ständig in der Angst vor dem nächsten Drama. Dieser Dauerstress kann körperliche Symptome wie Bettnässen;  Bauchschmerzen; Kopfschmerzen verursachen. Genauso auch psychische Auffälligkeiten wie extreme Schüchternheit; Lernblockaden; Depression – Kinder sind innerlich traurig, aber immer darauf bedacht, alles richtig zu machen; oder zeigen aggressives und auffälliges Verhalten.

Die Dosis macht das Gift

Wir alle machen Fehler und haben schlechte Tage, was nicht zwangsläufig bedeutet, dass dadurch unsere Kinder in ihrer Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt werden. Was geschehen ist, lässt sich nicht ungeschehen machen. Doch wir als Eltern haben die Aufgabe, die Verantwortung für unsere Handlungen zu übernehmen und immer wieder inne zu halten, um unser eigenes Verhalten zu reflektieren.

Kindererziehung aller Zeiten unterliegt in gewisser Weise auch immer ideologischen Zeitgeistströmungen, je nach Kulturkreis unterschiedlich. Schauen wir uns die Erziehung an unter der wir groß geworden sind, da gibt es die Nachwirkungen nationalsozialistischer Ideen, rigide religiöse Vorstellungen; auch die Gegenbewegung der antiautoritären Erziehung hat viel Verunsicherung hinterlassen. Wir Eltern bemühen uns um ein liebevolles Miteinander, doch sobald der Stresslevel steigt, verfallen wir in erlernte Muster. Aus meiner Sicht ist die Reflektionsbereitschaft und das Bemühen um die eigene Persönlichkeitsentwicklung der größte Beitrag, den wir für eine gesunde Entwicklung unsere Kinder leisten können – alles eben im Rahmen unserer Möglichkeiten.

Wenn Sie merken, dass Sie einige der genannten Gewaltformen in Ihrem Erziehungsalltag einen festen Platz haben, und Sie keine Möglichkeit sehen, wie Sie ihr Verhalten aus eigener Kraft verändern können, empfehle ich Ihnen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Über die weitreichenden Folgen von psychischer Gewalt:

Wie läuft es, wenn alles gut geht? Ein wunderbarer Beitrag, darüber wie eine emotional gesunde Kindheit verläuft:

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