Beziehung, Eltern-Kind-Beziehung, Trauma, Versöhnung

Wie finden wir echten Frieden mit uns selbst?

Damit Du heilen kannst, musst Du vergeben! Du musst Deine Vergangenheit ruhen lassen! Lebe Jetzt! Vielleicht hast Du diese Sätze schon gehört, oder bist selbst davon überzeugt, dass es so ist. Vielleicht hast Du das Gefühl festzustecken, weil es Dir nicht gelingt.

Früher glaubte ich, dass Vergebung zwingend notwendig sei. Ich dachte, es sei elementar, sich mit seinen Eltern zu versöhnen, Frieden mit unserer Vergangenheit zu schließen, da wir die Erbinformationen unserer Eltern in uns tragen, unserer Gene wie auch unsere Grundprägungen. Lehen wir unsere Eltern ab, lehnen wir folglich auch einen großen Teil von uns selbst ab.

Und ja es stimmt. Wir leben jetzt. Was kümmert uns die Vergangenheit, was helfen uns Sorgen um die Zukunft? Gar nichts. Doch wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, gelingt uns das nicht. Wir sehen die Welt durch den Filter unserer Erfahrungen. Wir sind nicht objektiv, in Bezug auf uns selbst und unser Verhalten schon gar nicht. Wir sehen sehr genau, was unsere Mitmenschen verdrängen, sich vormachen, wo etwas im Argen liegt, mit welch absurden Strategien sie sich Dinge zurecht legen. Nur für uns selbst sind wir betriebsblind!

Sehr früh kam ich in Kontakt mit Familienaufstellungen. Ich konnte sehen, dass es viele Familien gibt, die schwer belasten sind und dass es trotz vieler Bemühungen nicht gelingt, die eigenen Kinder mit den familiären Altlasten zu verschonen.

Wenn Ihr selbst Kinder habt, wisst Ihr wovon ich spreche. Sobald der Stresslevel hoch genug ist, verlassen Sätze meinen Mund, die ich mir geschworen hatte, nie zu verwenden – Originalton meine Mutter! Vermutlich sind das gar nicht ihre Sätze, sondern die ihrer Mutter, also meiner Großmutter und die der Generationen davor.

Jedenfalls fand ich die Methode es Familienstellens faszinierend. Ich könnte sehen, wie es Menschen entlastet, zu erkennen, welche Verstrickungen im Familiensystem bestehen. An eine Situation erinnere ich mich besonders. Da forderte der Aufstellungsleiter eine Frau auf, der Stellvertreterin ihrer Mutter zu danken, dass sie ihr das Leben geschenkt hat. (Dieses Prozedere ist bei klassischen Familienaufstellungen üblich). Wie ein bockiger Esel stand sie da und sagte: „Niemals kommt dieser Satz über meine Lippen! Denn auf dieses Leben hätte ich liebend gerne verzichtet!“ Stille. Was denke ich? Und offensichtlich alle anderen im Raum: Wenn diese Frau so stur ist, dann ist ihr nicht zu helfen.

Mittlerweile sehe ich das ganz anders. Es war ein sehr gesunder Impuls dieser Frau sich genau so zu verhalten. Es gibt Eltern die eine schlimme Zumutung für ihre Kinder sind. Aufgrund ihrer eigenen Traumatisierungen geben sie ihr eigenes Leid, ihren Schmerz, ihre Angst, Wut an die Kinder weiter. Als Kinder sind wir auf den guten Kontakt zu Mama und Papa angewiesen. Sind sie nicht in der Lage, sich gut um uns zu kümmern, haben wir ein Problem. Kinder versuchen mit allen Möglichkeiten die ihnen zur Verfügung stehen, das Familiensystem zu stabilisieren. Ist das Familienklima toxisch, ist es für Kinder ein harter Job zu überleben.

Es hilft uns überhaupt nicht weiter, wenn wir die Familienstrukturen verstehen und versuchen eine Ordnung in das Familiensystem zu bringen. Wenn wir nach Versöhnung streben, obwohl wir innerlich nicht bereit dafür sind. Das ist nicht unser Job und auch nicht im Rahmen unserer Möglichkeiten. Jeder ist für sich alleine verantwortlich! Unsere Großeltern, Eltern und Geschwister jeder für sich ganz alleine.

Wir sind verantwortlich für die inneren Verstrickungen und Altlasten, die wir mit uns rumschleppen. Dafür wie wir mit unseren unbewussten Mustern unsere Beziehungen, vor allem die zu unseren Kindern belasten. Sind wir nicht bei uns und klar in unserem Denken und Handeln, sind wir eine Zumutung für unser Mitmenschen. Auch wenn wir es nicht einsehen möchten, wir brauchen ein neutrales Gegenüber, das uns hilft unsere blinden Flecken zu erkennen. Wir könnten auch unsere Partner fragen, doch wenn die wirklich ehrlich zu uns sind, vertragen wir es von dieser Stelle am allerwenigsten ;-).

Es gibt es eine Instanz in uns, die unsere Eltern bedingungslos liebt. Diese Loyalität ist riesig! Selbst wenn wir uns bewusst sind, dass unsere Kindheit ein Alptraum war, werden wir unsere Eltern verteidigen und in Schutz nehmen, sobald ein Außenstehender unsere Mama oder Papa kritisiert. Verdrehen Nachbarn verächtlich die Augen, verlangt ein Therapeut von uns, die Schattenseiten unserer Eltern aufzuzählen regt sich ein unangenehmes Bauchgefühl. Nein also wirklich, so schlimm war es nicht. Unsere Eltern haben ihr Bestes gegeben, sie konnten halt nicht anders. Ich kann sie sehr gut verstehen, bei dem was sie alles erlebt haben. Das hätte ich nicht geschafft, das bewundere ich sehr. Gut, meine Mutter war wenig für mich da, doch sie hatte ja auch soviel um die Ohren, mit meinen Geschwistern, mit meinen Vater war es auch nicht immer leicht, da hattet sie keinerlei Unterstützung……

Kennst Du das, dass es Dir schwer fällt zu berichten, wie es wirklich für Dich war? Wie traurig, wie einsam Du Dich als Kind gefühlt hast? Wie viel Angst Du gehabt hast vor dem nächsten Ausbruch? Bei Dir zu bleiben und Mitgefühl für Dich selbst zu haben, ohne nicht sofort wieder in die Schuhe deiner Eltern zu schlüpfen und Verständnis für ihre Situation aufzubringen. Bevor Du tiefes Mitgefühl für Dich selber spürst, bist Du schon wieder bei ihnen und den Umständen. Oder beim Elend der Welt. Selbstverständlich es gibt viel schlimmere Schicksale. Unsere Eltern haben sich bemüht, es war vieles gut. Vieles eben auch nicht! Es war nicht immer leicht! Du hattest es schwer! Du warst unverstanden und nicht gesehen!

Veränderung geschieht dann, wenn Du Mitgefühl mit Dir selbst hast, wenn Du in Kontakt kommst mir Deinen Gefühlen, mit Deinem Schmerz, Deiner Angst und Deiner Wut. Doch vor diesen Gefühlen haben wir eine entsetzliche Angst, wir wissen instinktiv da schlummert viel unter der Oberfläche. An unsere Gefühle wagen wir uns nicht ran, aus Angst sie könnten uns überwältigen. Es war furchtbar schmerzhaft für uns als Kinder damals und wir haben eine gute Strategie gefunden, diese unaushaltbaren Emotionen wegzupacken und uns mit verschiedenen Überlebensstrategien über Wasser zu halten. Solange wir genug Energie zur Verfügung haben, klammern wir uns wie ein Ertrinkender an diese Strategien und reden uns ein, dass doch alles in bester Ordnung ist. Wir haben unser Leben im Griff! Wir leben Heute, Hier und Jetzt! Was interessiert uns die Vergangenheit.

Doch immer wieder bröckelt die Fassade der heilen Welt, da sickert etwas an die Oberfläche. Manchmal ganz leise als ein Gefühl der innerer Leere, einem Gefühl von Unbehagen, Angst, etc. Wir sind erfinderisch, schnell finden wir eine Ablenkung im Außen, wir tun uns was Gutes, Essen was leckeres, trainieren unseren Körper, gehen shoppen, machen Party und lenken uns ab mit was auch immer. Um ja den Schmerz nicht zu spüren, der von innen hochkommt. 

Manchmal bricht es aus uns heraus wie ein Vulkan, da kommt all die Wut, all der Stress, all der Schmerz an die Oberfläche. Wir sind nicht in der Lage diese Eruption zu stoppen. Irgendwann ist der Ausbruch vorbei, und wir brechen in uns zusammen. Wir schämen uns für unser Verhalten, doch meist haben wir nicht die Größe, die Verantwortung für unser Verhalten zu übernehmen und uns für diese Attacke zu entschuldigen, wir reden es klein, wir rechtfertigen uns: „Hättest Du mich nicht so provoziert, das ist Deine Schuld, Du weißt wie ich ticke!“ „Man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen, ich bin halt temperamentvoll.“ „Du machst nie etwas, immer bin ich für alles zuständig, da muss ich mich wehren!“ Oder wir gehen stillschweigend zur Tagesordnung über und tun so, wie wenn nichts gewesen wären.

Die Verdrängung geht weiter: Jetzt verdrängen wir neben unserem Opfersein, auch noch die Tatsache, dass wir zum Täter an unseren Lieben werden.

Vielleicht gelingt es uns wirklich unsere Emotionen unter Verschluss zu halten, dann reagiert der Körper für uns. Er produziert Symptome und Schmerzen, um auf die innere Not aufmerksam zu machen. Doch was machen wir? Hören wir hin? Überdenken wir uns Leben? In der Regel suchen wir uns einen Arzt, der möglichst schnell wieder alles repariert. Wir sind so abgespalten von uns selbst und unseren Körper, dass wir gar nicht merken, wie lieblos wir mit uns umgehen. Wie ein defektes Auto zur Reparatur in die Werkstatt kommt, übergeben wir unsere Gesundheit und unseren Körper in die Hände von Fachärzten die sich darum kümmern sollen, dass wir wieder funktionieren. Wir ignorieren die Tatsache, dass wir eine Einheit sind. Körper und Psyche sind nicht zwei separat voneinander getrennte Systeme!

Ein besonderer Aspekt in Bezug auf die Loyalität zu unseren Eltern möchte ich noch erwähnen. Wir lieben beide Elternteile und fühlen uns emotional beiden verpflichtet! Kinder getrennt lebender Paare zerreißt es innerlich fast, wenn ein Elternteil schlecht über den anderen redet. Selbst wenn man weiß, dass die Verhaltensweisen schwierig sind, fühlt man als Kind sich Mama und Papa gleichermaßen verpflichtet.

Meine Eltern sind seit über dreißig Jahren geschieden, mein Vater schon seit über 20 Jahren tot und dennoch versetzt es mir heute noch einen Stich, wenn meine Mutter schlecht über meinen Vater redet. Ich weiß, dass sie in der Sache Recht hat, doch sofort ergreife ich Partei für ihn, erkläre ihr, dass er aufgrund seiner Geschichte nicht anders konnte und sie doch bitte endlich ihren Groll begraben soll. Jetzt bin ich als Tochter nicht zuständig für die Gefühle meiner Mutter, doch während ich diese Zeilen schreibe, wird mir bewusst, dass es ihr bestimmt sehr gut tun würde, wenn ich ihr sage, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, wie schlimm die Situation für sie war. Im Grunde alleine zwei Kinder groß zu ziehen, ist eine enorme Leistung. Ich bin ihr unendlich dankbar, dafür dass sie da war und sich immer um alles gekümmert hat. Das kann ich ehrlich und von Herzen sagen, doch wenn sie meinen Vater angreift, geht das nicht, da komme ich sofort in eine Verteidigungshaltung.

Durch die Anliegenmethode von Franz Ruppert wurde mir deutlich, wie stark diese inneren Loyalitäten zu unseren Eltern wirken. In der Hoffnung, die Liebe von Mama und Papa doch noch zu bekommen, haben wir uns selbst aufgegeben und wurden so wie sie uns haben wollten, wir haben das gemacht, was von uns erwartet wurde. Selbst wenn wir irgendwann erbittert rebelliert haben, war dies im Grunde nur ein weiterer Versuch, zumindest so ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Bemühen wir uns um Versöhnung mit emotional unerreichbaren und übergriffigen Eltern, kommen wir in ein Dilemma mit uns selbst. Es gibt einen Anteil, der heute noch auf die Liebe der Mama hofft, und sich danach sehnt, dass sie sich geändert hat, der sich Harmonie und Frieden wünscht. Nach meiner Beobachtung steckt hinter dem Wunsch nach Versöhnung eine riesige Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit.

Ein anderer, vernünftigerer Teil weiß, dass diese Hoffnung aussichtslos ist, Kontakt zu dieser Mutter bedeutet auch heute noch Schmerz, Enttäuschung, Verbiegung. 
Diese zwei Anteile sind so weit von einander entfernt, ihre Zielsetzung scheint so unterschiedlich, dass keine Lösung ersichtlich ist. Es geht innerlich um die Entscheidung: Sie oder Ich! Absolutes Schwarz-weiß Denken.

Es kommt auf die Reihenfolge an. Was uns wirklich hilft ist, dass wir zutiefst loyal gegenüber unseren verletzten Anteilen sind, was auch bedeutet, dass wir den Mut haben, für unsere verletzliche Seite einzustehen, egal vor wem. Machen wir das nicht, wiederholen wir die Gewalt von früher. Wir setzen auf diese Weise die Verletzung von damals in Eigenregie fort. Damals war keiner für uns da und hat uns gesehen und getröstet. Und heute lassen wir selbst diesen verletzten Anteil im Stich, beschwichtigen, lenken ab und beschäftigen uns mit Vergebung, Versöhnung oder Idealisierung.

Wenn wir in Kontakt mit uns selber sind, loyal zu uns selbst sind und uns nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit selbst untreu werden, können wir nochmal darüber diskutieren, ob wir vielleicht doch an Versöhnung interessiert sind. Nur für uns selbst! Doch das ist erst der zweite Schritt. Ohne den ersten Schritt zu uns selbst gemacht zu haben, stecken wir weiterhin in einem unlösbaren Dilemma fest.

Gibt es jemanden in Deinem Leben der sagt, Du sollst die Vergangenheit endlich ruhen lassen? Es war doch alles gar nicht so schlimm? Es gibt doch viel schlimmere Schicksale? Es könnte alles so schön sein, wenn Du endlich aufhören würdest mit Deinem Psychoscheiß! Wir leben heute und es ist alles perfekt!

Befreie Dich von diesen Stimmen, wenn Du spürst, dass es nicht Dein Weg ist. Und erst recht, wenn Du merkst, da möchte jemand nicht, dass Du den Deckel hebst, weil er genau weiß, dass hinter der gut gepflegten Fassade viel im Argen liegt, das keiner sehen soll.

Wenn Dir Deine Religon einredet, Du musst Vater und Mutter ehren, Deine Freunde oder vielleicht sogar Dein Therapeut rät, dass Du Menschen vergeben sollst, die Dich verletzt oder missbraucht haben. Bleibe bei Dir und schau, wie es sich für Dich anfühlt. Vielleicht ist es tatsächlich Dein Weg. Doch sei ehrlich zu Dir und lass Dir nichts einreden. Nicht zu verzeihen ist nicht unmoralisch! Genauso wie es nicht unmoralisch ist zu benennen, dass die eigenen Eltern Dir nicht das geben konnten was Du gebraucht hättest. Das ist einfach nur ehrlich zu Dir selbst.

Es ist Dein Weg und wenn Du spürst, dass etwas nicht geht dann ist es so. Vielleicht ändert sich Deine Haltung irgendwann. Einfach weil es von innen heraus geht und sich stimmig anfühlt.

DEIN Weg ist DEINER! Lass Dir von niemanden etwas einreden, DU entscheidest SELBST! DU trägst die Verantwortung: Für DICH, DEINE GESUNDHEIT, DEINEN KÖRPER, DEINE BEZIEHUNGEN, DEINE ENTSCHEIDUNGEN.

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