Glückliche Scheidungskinder, geht das?

Ich soll einen Artikel über über Scheidungskinder zu schreiben. Mein erster Impuls ist, das bekomme ich gar nicht wirklich authentisch hin, schließlich habe ich keine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema. Es ist viel authentischer, wenn jemand der bereits eine Scheidung hinter sich hat, diesen Artikel schreibt. Moment, ganz so stimmt es nicht, ich bin selbst Scheidungskind.

Bei der Recherche zu dem Thema Scheidungskinder hat mich das Buch „Glückliche Scheidungkinder“ von Remo Largo und Monika Czernin besonders angesprochen. Die Autoren, die beide selbst eine Scheidung hinter sich haben, vertreten die These, dass Kinder nach einer Trennung der Eltern gleich glücklich aufwachsen wie andere, wenn die Eltern die Trennung gut hinbekommen und es schaffen, ihren Kindern während und nach der Trennung dasselbe Ausmaß an Geborgenheit und Liebe zu vermitteln wie vorher und niemals, niemals, niemals ihren Expartner vor den Kindern abwerten.

Es hat ein bisschen gedauert, bis mir klar wurde, warum mich gerade dieses Buch so angesprochen hat. Die Autoren beschreiben meine ganz persönliche Erfahrungen mit den Thema Scheidung.

Als sich meine Eltern getrennt haben, war ich 10, meine Schwester 7 Jahre. An einem Nachmittag im Sommer, hat meine Mutter die Koffer gepackt und uns mitgeteilt: „Wir gehen! Ok, wohin? Übergangsweise sind wir zu den Großeltern mütterlicherseits  gezogen. Es gab ein ganz konkretes Ereignis, das wie man so schön sagt, für meine Mutter das Fass zum überlaufen gebracht hat.

Ich kann mich noch sehr gut an diesen Tag erinnern, es war komisch, doch meine Mutter war fest entschlossen und so gab es für mich keinen Zweifel, dass das der richtige Schritt. Es spielte für mich keine Rolle warum, weshalb wieso, so war es ebnen. Erst viel später wurde mir bewusst, was dieser Schritt für meine Mutter bedeutet haben musste. Vor über dreißig Jahren im ländlichen Oberschwaben war eine Scheidung nahezu ein Verbrechen, für meine streng gläubige Großmutter vermutlich eine Todsünde. Und dennoch ist sie diesen Schritt gegangen und ich bin heute sicher, dass es eine gute Entscheidung war.  Selbstverständlich ist es uns Kindern nicht entgangen, dass es eine belastende Situation für meine Eltern war. Meine Mutter hatte eine Massagepraxis im Haus und war somit von einem Tag auf den anderen Haus und Praxis los. Die Praxisräume weiter zu nutzen war zum damaligen Zeitpunkt keine Option. Doch auf dafür hat sie eine Lösung gefunden, ich habe keine Ahnung wie sie es gemacht hat. An die organisatorischen Detail kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass wir jederzeit mit dem Fahrrad „nach Hause“ fahren konnten, in das Haus in dem mein Vater und meine Großmutter väterlicherseits ja immer noch gewohnt haben.

Die Trennung brachte für uns Kinder sogar Vorteile, jetzt wohnten wir im größeren Nachbardorf – mitten drin, wir konnten zu Fuß zur Schule gehen, vorher mussten wir mit dem Bus fahren. Es gab auch einen Einkaufsladen am Ort, das erste Mal konnten wir alleine einkaufen, was sehr spannend für uns war. Ein weiteres Plus: Wir hatten es viel näher zur Familie meines Onkels, die hatten 5 Kinder und einen großen Bauernhof, hier war immer etwas los und bald war dort mein „drittes Zuhause“.

Denke ich heute darüber nach, wie alles war, wird mir ganz warm ums Herz, mir wird bewusst, dass mein Leben durch die Trennung meiner Eltern viel bunter und erfahrungsreicher geworden ist. Der vermutlich entscheidende Aspekt ist, sie haben es trotz allem geschafft, uns Kindern konstant Liebe und Sicherheit zu vermitteln.

Mein Vater ist vor 20 Jahren gestorben und obwohl die Eltern getrennt waren, hat meine Mutter die Grabpflege übernommen. Neulich ging es darum, dass die Ruhezeit für Vaters Grab demnächst ausläuft, da sagte meine Mutter mit diesem gewissen Ton: „Mir reicht es jetzt! Wenn Ihr die Pflege nicht übernehmt, löse ich das Grab auf, ich habe genug mit Eurem Vater mitgemacht!“ Diese Aussage hat mir einen schmerzhaften Stich versetzt. Nach gütlichem Einvernehmen hört sich das gar nicht an, mir ist längst bewusst, dass es das auch niemals war. Umso mehr rechne ich es beiden an, dass sie es irgendwie hinbekommen haben, ihre Differenzen nicht auf unserem Rücken auszutragen. Wenn eine abwertende Bemerkung gefallen ist, haben sie gemerkt, in welchen Stress uns Kinder das bringt, und haben versucht dies künftig zu vermeiden.

Ich bin heute 42, die Scheidung meiner Eltern ist 30 Jahre her, ich kann die Gründe dafür verstehen, und bin mir sicher, dass die Entscheidung für eine Trennung gut war. Trotzdem tut es immer noch weh, wenn eine entwertende Bemerkung über meinen Vater fällt. Obwohl ich die Gründe nachvollziehen kann, wird meine Liebe und Loyalität zu ihm in Frage gestellt. Irgendwie habe ich das unangenehme Gefühl mich entscheiden zu müssen, zwischen Verständnis gegenüber meiner Mutter ODER gegenüber meinem Vater.

Vieles lief sehr gut, doch es wäre gelogen wenn ich sage, dass die Trennung nur positive Auswirkungen hatte: Je älter ich werde, desto mehr werden mir die Schattenseiten bewusst. Ich kann erkennen, welche Strategien ich mir damals angeeignet habe, die damals sehr sinnvoll waren, mir allerdings heute im Wege stehen. In dem ich mir die Zusammenhänge bewusst mache, ist Veränderung möglich.

Trennung bedeutet KriseMit Veränderungen tun wir uns in der Regel schwer, sehr viele Veränderungen bedeuten erst mal eine Krise. So wie es ist, geht es nicht mehr weiter, doch der neue Weg ist noch nicht erkennbar. Wird es gut werden? Man weiß es nicht.Schon ein ganz „normaler“ Familienumzug ist für alle Beteiligten eine Belastung, es gilt: einen neuen Platz zu finden, an dem sich alle wohlfühlen, neue Freunde zu finden, Kindergarten, Schule, Hobbies, etc. Das ist viel und wird nicht von allen Familienmitgliedern gleichermaßen gut verkraftet. Kind 1 findet sofort Anschluss im Kindergarten, wohingegen Kind 2 nach einem Jahr immer noch keinen Freund gefunden hat. Auch für Eltern ist es eine große Umstellung sich in der neuen Umgebung zu orientieren, vermutlich haben Sie alle schon mehrerer Umzüge hinter sich gebracht und wissen wovon ich spreche. Unabhängig davon, wie gut das Einleben in die neue Umgebung gelingt, bei einem „normalen Umzug“ bleibt die Familie zusammen, die vertrautesten Beziehungspersonen, Mama Papa und Geschwister sind alle da.Bei einer Scheidung mit anschließendem Umzug, womöglich eine fremde Stadt zerbrechen wichtige Bezugspunkte, das ist für alle ein schwerer Verlust. Neben den organisatorischen Veränderungen sind es vor allem emotionale Stressfaktoren, die den Alltag so beschwerlich machen.

 

Bereitschaft zur Konfliktbewältigung – Emotionen regulieren 

Das wohl größte Hindernis beim Finden einer „guten“ Lösung für die neue Lebenssituation, sind die Emotionen der sich trennenden Partner. Einer Trennung geht in der Regel eine Zeit mit gegenseitigen Verletzungen voraus, Vertrauensbruch, Kränkungen, Enttäuschung, Streit und Wut etc. Wird die Trennung von einem Partner allein und überraschend vollzogen, ist es ein Schock für die Zurückgebliebenen, zurück bleibt Ratlosigkeit, Verzweiflung, Wut und Trauer.

Mit diesem Berg an aufgestauten Emotionen fällt es schwer, vernünftige Entscheidungen zu treffen und das Wohl der Kinder im Blick zu behalten. Der erste Schritt ist daher für die Eltern, sich mit den eigenen Verletzungen und dem eigenen Schmerz auseinander zu setzten. Neulich sagte mir jemand in Bezug auf seine Trennung, „Es fühlt sich an, als ob mir ein Arm abgerissen worden wäre.“ Ein gutes Bild, mit einem fehlenden Arm, lässt sich der Alltag nur erschwert bewerkstelligen. Es geht darum die Wunden zu versorgen, um handlungsfähig zu sein, damit sinnvolle Entscheidungen zum Wohle aller getroffen werden können.

Emotionale Sicherheit für die Kinder

Wenn die Mama den Papa nicht mehr liebt, vielleicht liebt sie mich dann eines Tages auch nicht mehr? Wenn ein Papa auszieht, vielleicht geht die Mama auch irgendwann?

Fast automatisch kommt bei den Kindern die Sorge auf, dass es irgendwann selbst nicht mehr geliebt und verlassen wird. Im Grunde eine sehr logische Schlussfolgerung. Die Eltern können gar nicht genug dem Kind verständlich machen, dass sich zwar die Eltern getrennt haben, doch ihre Liebe und Fürsorge für das Kind dadurch niemals in Frage gestellt ist. Wichtiger wie Worte, sind Taten! Echte Begegnungen, die dem Kind die Sicherheit vermitteln, ja es stimmt, Mama und Papa sind für mich da, wenn ich sie brauche.

Eltern in der Trennungsphase stehen meist selbst unter einem großen emotionalen Druck und sind nicht immer in der Lage, die Bedürfnisse und Nöte der Kinder zu sehen und angemessen darauf zu reagieren. Eine große Unterstützung können Großeltern, Verwandte und Freunde sein, auch Erzieherinnen im Kindergarten und Lehrer, alle Menschen die auch schon vor der Trennung eine gute Beziehung zu den Kindern hatten. Wer aus dem Umfeld kann die Familie unterstützen? Je mehr vertraute Bezugspersonen erhalten bleiben, desto leichter lässt sich der Schmerz über die Trennung der Eltern verkraften. Verlässliche Bezugspersonen sind das Allerwichtigste.

Wer wohnt wo?

Es gibt verschiedene Modelle, wie der Aufenthalt und die Betreuung der Kinder nach einer Scheidung organisiert werden kann. Schaut man genau hin, gibt es nicht „das ideale Model“. Jede Form hat individuelle Gestaltungsmöglichkeiten, mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen. Jede Familiensituation ist anderes und im Grunde geht es darum seinen individuellen Weg zu finden. 
Bisher der Klassiker: Residenzmodell

Kommt es zur Scheidung, wird in der Regel beiden Eltern das Sorgerecht zugesprochen.  Die Kinder wohnen jedoch unter der Woche bei dem Elternteil, der sich in den letzten Jahren vorrangig um sie gekümmert hat, das ist in den meisten Fällen die Mutter.

Der Vater erhält in diesem Fall ein Umgangsrecht, bzw. Besuchsrecht. Fast schon Standard ist die Regelung, dass in außergerichtlichen Elternvereinbarungen oder Gerichtsurteilen in Umgangsverfahren die Kinder jedes zweite Wochenende beim Vater verbringen. Die Übergabe ist meist am Freitagmittag nach Schule oder Kindergarten bis Sonntagabend.

Ebenfalls werden die Ferien aufgeteilt und auch die Feiertage gehören in eine Besuchsvereinbarung. In dieser schriftlich festgehaltenen Vereinbarungen wird genau festgehalten, wann und wie oft das Kind zu Besuch kommt, wie lange es bleibt, welche Feiertage wo verbracht werden und wer die Kosten dafür übernimmt. Sind die Kinder im Babyalter oder werden sie noch gestillt, wird meist ein stundenweiser Kontakt 1x pro Woche zugelassen, ab drei Jahren lässt man manchmal auch Übernachtungen zu.

Wechselmodell: Die Eltern kümmern sich zu gleichen Teilen

Beim Wechselmodell, auch Pendelmodell oder Doppelresidenzmodell genannt, werden die Betreuungszeiten der Kinder zwischen den Elternteilen annähernd gleichwertig aufgeteilt. Der Wechsel findet regelmäßig statt. Ob alle zwei Tage oder immer nach zwei Wochen ist von den individuellen Bedürfnissen und auch der Erfahrung abhängig. Eine genaue 50:50-Regelung ist kaum durchzusetzen. Auch ein flexibles Einspringen der Eltern ist absolut üblich und hier kann z.B. ein ‚Zeit-Punkte-Konto‘ helfen, dass nicht einer immer einspringt und sich damit ausgenutzt fühlt.

Damit dieser gleichwertige Wechsel gut gelingt, sind viele Absprachen nötig und im Zweifel große Flexibilität der getrennten Partner. Es funktioniert nur, wenn beide Partner in gutem Einvernehmen miteinander sind, und als Bindungspersonen hinreichend belastbar und zuverlässig sind.

Nestmodell bedeutet: die Kinder haben einen festen Lebensort

Das Kind bleibt in der gemeinsamen Wohnung und die Eltern wechseln sich mit der Betreuung ab. Alles bleibt für die Kinder, wie es war – der einzige Unterschied – die Eltern sind nicht gemeinsam in der Wohnung. Ausgangspunkt für solche Überlegungen ist oft, dass es ein Familien-Eigenheim gibt, wo die Kinder fest verwurzelt sind (Nachbarschaft, Freunde, Hobbies, Schulweg etc.)

Für die Erwachsenen eine unbequeme und unter Umständen teurere Lösung, jedoch würde man die Kinder fragen, würde dieses Modell wohl oft den Vorzug bekommen.

Wo die Eltern wohnen, hängt vom Einzelfall ab, die sicher günstigste Variante ist es, wenn es eine weitere kleine Wohnung gibt, in der die Eltern abwechselnd wohnen, wenn der Andere bei den Kindern im Nest ist. Damit dies ein wirkliche Alternative ist. benötigen die Eltern viel innerliche Trennungsdistanz. Wer sich nicht mehr „riechen“ kann, kann sich keine Wohnung teilen.

Hat jedes Elternteil eine eigene Wohnung, gibt es also insgesamt drei Adressen. Vorteil: die Erwachsenen haben eine eigene Privatsphäre. Nachteil: Nest plus zwei Wohnungen sprengt unter Umständen das Budget. Das Nestmodell muss allerdings kein besonders teures Wohnkonzept sein, wenn man bedenkt, dass anderenfalls beide Eltern genügend großen Wohnraum für die Kinder bereitstellen müssen, auch wenn sie nur am Wochenende da sind.
Aktuell läuft ein charmanter Film zum Thema Nestmodell im Kino “ Wohne lieber ungewöhnlich“. Die Kinder einer Patchworkfamilie sind genervt, ständig zwischen den Wohnungen der Eltern pendeln zu müssen und beschließen, eine Kinder WG zu gründen. Nicht mehr die Kinder sollen ständig umziehen müssen, sondern die Erwachsenen haben abwechselnd Elterndienst in der Kinder-WG. Kommentar zum Film unseres 11 jährigen Sohnes: So zu leben ist ja viel cooler wie als „normale“ Familie!

Weiterführende Informationen:
https://www.scheidung.org/

Buchempfehlung:

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s