Depressive Eltern – Wenn Kinder stark sein müssen

In Deutschland leben schätzungsweise 3 Mio Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen. Vermutlich eine ähnlich hohe Zahl Kinder ist im Laufe ihres Lebens dauerhaft oder zeitweise von elterlicher Alkoholabhängigkeit betroffen.

Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung

Kinder haben sehr feine Antennen und merken, wenn etwas mit ihren Eltern nicht stimmt – auch wenn sie es nicht benennen können.

Aus der Bindungsforschung wissen wir, wie wichtig eine stabile Bindung für das heranwachsende Kind ist. Kindliche Bedürfnisse nach Wärme, Schutz, Halt, Liebe und Zugehörigkeit werden im Idealfall von der Mutter und vom Vater befriedigt. Gleichzeitig wird das kindliche Bestreben nach Eigenständigkeit von beiden Eltern gefördert und altersadäquat unterstützt. Eine emotionale Verbundenheit schafft ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit. So entwickeln Kinder Sozialkompetenz, Selbstvertrauen und eine altersgemäße Selbstregulation.

Eine depressive Mutter kann die Signale, die ein Kleinkind aussendet, nicht feinfühlig beantworten – zumindest nicht in einer akut depressiven Phase. Ganz egal, was das Kind unternimmt, ob es sich still zurückzieht, ob es seine Angst zeigt, ob es wütend ist oder ob es weint oder unruhig ist, es erhält nicht die liebevolle, verständnisvoll zugewandte Reaktion seiner Mutter, die es bräuchte, um sich bei ihr sicher und geborgen zu fühlen.

Das Kind erlebt die emotionale Abwesenheit der Mutter als eine existenzielle Verunsicherung. Diese Erfahrung kann sich auf das gesamte spätere Erleben auswirken, in Bezug auf die Eigenwahrnehmung, den Kontakt mit anderen Menschen und spätere Beziehungen.

Kinder fühlen sich schuldig

Kleinkinder nehmen Ihre Umwelt durch die Augen der Eltern wahr. Sie denken: „Ist die Mama immer traurig, dann habe ich bestimmt etwas falsch gemacht!“ Das Kind kann nicht verstehen, warum die Mutter ihm die liebevolle Zuwendung nicht gibt und sucht die Schuld bei sich selbst.

Es ist daher wichtig, dass offen über die Krankheit gesprochen und dem Kind verständlich gemacht wird, dass sein Verhalten nicht die Ursache für die Traurigkeit der Mutter ist. Liebevoll gestaltete Kinderbücher können die Kommunikation unterstützen.

Umkehr der sozialen Rollen

Können Eltern ihre Elternfunktion nicht ausüben können, schlüpfen ältere Kinder in diese Rolle. Meistens übernehmen ältere Kinder die Elternfunktion für jüngere Geschwister und den Haushalt, sie fühlen sich verantwortlich für das Funktionieren der Familie und für die Mutter.

Diese Kinder und Jugendliche sind sehr verantwortungsbewusst, sie sind angepasst und verlieren oft die kindliche Spontanität, Lebhaftigkeit und Sorglosigkeit. Kinder, die stellvertretend für ihre Eltern Verantwortung übernehmen, entwickeln sehr häufig hohe Anforderungen an sich selbst. Sie Sie sind emotional stark belastet, durch die Spannung zwischen einem Gefühl der Macht und der Angst zu versagen.

Erhalten betroffene Kinder Verständnis und Unterstützung von außen, können sie Stück für Stück die zu viel übernommene Verantwortung zurückgeben, und sich altersgemäß entwickeln. Das ist nicht leicht, denn die Kinder sind es gewohnt stark sein zu müssen.

Kinder als Symptomträger

Das selbstregulierende „System Familie“ versucht, im Gleichgewicht zu sein. Um dieses Gleichgewicht herzustellen, muss es sich ständig an die sich wandelnde Umwelt anpassen.

Einschneidende Ereignisse (Heirat, Geburt, Pubertät, Krankheit, Tod …) erfordern eine besondere Anpassungsleistungen und Neuorientierungen. Gelingt es den Beteiligten nicht, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen, zeigen sich Beschwerden. Der Symptomträger – oft das Sorgenkind oder schwarze Schaf der Familie versucht durch sein auffälliges Verhalten oder seine Beschwerden, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, in einem verzweifelten Versuch die Mutter aus ihrer Depression herauszulocken, oder die Beziehung der Eltern zu retten.

Das Symptom, das ein Kind hervorbringt (z.B. aggressives Verhalten, Bettnässen, Probleme in der Schule etc.), verweist die Eltern immer auf ihre Beziehung zu sich selbst und als Paar. Die Kinder bringen das Unbewusste der Eltern und deren Beziehung zum Ausdruck.

Wenn die Eltern beginnen, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, brauchen die Kinder die Stellvertreterrolle nicht mehr zu übernehmen. Gelingt eine Veränderung der Interaktionsmuster innerhalb der Familie, wird das Symptom nicht mehr gebraucht und verschwindet wie von selbst.

In vielen Fällen ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunftsfamilie der Schlüssel. Viel mehr als es uns bewusst ist, bestimmen Kommunikationsmuster und Glaubenssätze unserer Herkunftsfamilie die Art und Weise, wie wir uns auf das Leben einlassen. Oft sind die Depressionen bereits übernommen Gefühle oder nicht erfüllbare Erwartungen der eigenen Eltern – in der Psychologie spricht man von transgenerationaler Wiedergabe.

 

Wo finden Betroffene Hilfe?

Eine Depression lässt sich heutzutage sehr gut behandeln. Es ist dringend anzuraten, möglichst frühzeitig einen Experten -Arzt für Psychiatrie oder Psychotherapeuten aufzusuchen, nicht nur für sich selber, sondern auch in Blick auf die Familie, insbesondere die Kinder.

Wegweiser Sozial/Psychiatische Hilfen

Eine sehr umfangreiche Broschüre zu unterstützenden Angeboten im Alb-Donau-Kreis finden Sie unter: http://www.alb-donau-kreis.de/sozial/pdf/angebote_fuer_menschen_mit_psychischer_erkrankung.pdf

Weiterführende Informationen:

Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder psychisch erkrankter Eltern http://www.bag-kipe.de

Initiative peripartale psychische Erkrankungen http://www.schatten-und-licht.de

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