Versöhnung

Hospiz – näher am Leben geht es nicht!

Im Hospiz begegnet einem das pure Leben ganz echt und unverstellt, manchmal echter wie im normalen Alltag.

Zweimal im Monat helfe ich im Hospiz mit, nur für ein paar Stunden, doch es ist jedesmal eine ganz besondere Erfahrung. Es wird gelacht und geweint, getanzt und gesungen und immer habe ich das Gefühl besonders nah am Puls des Lebens zu sein.

Ein paar besondere Momente möchte ich mit Ihnen teilen.

Da ist Herr W., er lebte die letzen Jahre im Obdachlosenheim, er hat ein Lungenkarzinom und kam erst gestern vom Krankenhaus ins Hospiz, er war sehr schwach. Er spürt, dass man sich hier liebevoll um Ihn kümmert und so bestellt er ein fulminantes Frühstück: Rührei mit gebratenen Zwiebeln und Schinkenwürfeln; zwei Kaffees und drei Schmelzkäse  – auf Vorrat, man weiß ja nie!

Wir sind ein bisschen stutzig und in Sorgen, Ihn zusehr zu verwöhnen, nicht dass die anderen Gäste zu kurz kommen. Doch diese Bedenken erweisen sich als unbegründet. Er freut sich so über dieses ausgezeichnete Rührei, seine Augen leuchten und er kann es kaum fassen, wie viel Gutes Ihm hier begegnet. Die Portion ist zu groß, für morgen bestellt er die Hälfte und weil es gar zu gut ist, esse er den Rest zum Mittagessen, da lasse er sich lieber auf kein Experiment ein, besser kann es kaum werden und Fisimatenten möchte er keine machen.

Herr S. ist ein humorvoller Mann, Mitte 80, der gerne mit den Schwestern schäkert. Während ich Ihm beim Frühstück behilflich, bin sagt er ganz trocken: „So jetzt ist es bald rum, dann komm ich unter die Erde.“ Ich frage Ihn, was er glaubt, was dann wohl sei?  Seine Antwort: „Ja dann fressen mich die Würmer, so geht das Leben.“ Spüren würde er dann ja nichts mehr, zum Glück.

Er erzählt, dass er in seinem Leben gerne gereist sei, die größte und schönste Reise sei eine Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer gewesen. Weiter habe es leider nicht gereicht. Gerne hätte er noch Kuba und Hawaii gesehen. Ich mache Ihm einen Vorschlag: Wir wissen ja beide nicht, was nach dem Tod kommt, doch die Vorstellung, dass es nur Würmer sind, behage mir persönlich nicht. „Was halten Sie von einer Reise nach Hawaii, mit Sonne, Strand und Meer?“ Da strahlt er übers ganze Gesicht und sagt: „Ja das wär was!“  – Wer weiß wo er inzwischen gelandet ist?

Frau B. ist letzte Woche verstorben. Als ich Sie vor 5 Wochen das erste Mal gesehen habe, kam Sie kurz zuvor ins Hospiz. Eine reizende und liebevolle Frau. Sie hatte ein Bronchialkarzinom und obwohl in fortgeschritten Stadium, bekam Sie recht gut Luft und war sehr gefasst.

Ihre Sorgen war nun, dass Sie ja mit der Absicht zu Sterben ins Hospiz gekommen sein und nun bei der guten Pflege nicht wisse, ob daraus überhaupt was wird. Sie habe ein schweres Leben gehabt und sein nun froh, dass es bald zu Ende sei: „Ich frage mich: Was passiert, wenn ich nun doch nicht sterbe?“ Ich frage zurück: „Wie wär´s, wenn Sie die Tage hier in vollen Zügen genießen, was dann kommen wird, steht in den Sternen. Das braucht heute nicht Ihre Sorge sein.“

„Ja, das ist gut“, sagt Sie. „Der Vater wird wissen, wann die rechte Zeit ist.“ So beginnt ein sehr philosophisches Gespräch. Der Vater meint Sie, sei keine Person, kein Gott – nach Ihrem Verständnis sei es der Allgeist. Ziel Ihres Strebens sei die Auflösung des Egos, und die Sorge was kommen wird, sei ja wohl Teil Ihres Egos.

„Ich habe in meine Leben viel Schlimmes erlebt“, sagt Sie. „Wenn ich Ihnen eine Rat geben darf: Ich habe feststellt, dass der einzige Weg zu innerem Frieden die Vergebung ist. Vielleicht ist die Versöhnung mit dem Leben und allem was es für einen bereithält, sogar der eigentliche Sinn des Lebens“.

Ich frage Sie, was Sie über Ihren Krebs denkt. Ganz unverblühmt meint Sie: „Mein Krebs ist die Strafe, für lange Jahre der Verbitterung, in denen ich nicht bereit war zu vergeben.“

Viel erzählt Sie über Ihre Erlebnisse, was Ihr widerfahren ist, Ihre Einstellungen, Ihre Ängste, Ihre Wut… bis zum Beginn Ihrer Krankheit. Zuerst die Verleugnung, dann Ihre langsame Akzeptanz und der Wunsch nach Heilung. Neben den schulmedizinischen Möglichkeiten besuchte Sie einen Heilpraktiker, der habe sie zwar nicht heilen können – vielleicht war das auch gar nicht seine Absicht –  fügt Sie mit einem Schmunzeln hinzu, doch er habe Ihr ein Buch von Krishnamurti empfohlen. Krishnamurti sein von diesem Zeitpunkt an Ihr wichtigster Lehrer geworden. Auf der Ablage sehe ich einen Stapel mit Büchern.

Besonders beeindruckt hat mich Ihre geistige Klarheit und Besonnenheit. Sie verrät mir: Ihr Geheimnis sei die Stille. Schon lange schaue Sie kaum mehr fern, auch von den meisten Menschen habe Sie sich distanziert, da Sie sich nicht verstanden fühle.  „Für die Dinge, die mir wichtig sind, spüre ich wenig Resonanz in der Welt. In der Stille finde ich Geborgenheit und Frieden, auch meine Symptome (Atemnot) bekomme Sie dadurch gut in den Griff. “

Wenn das Gehirn durch ständiges Gewahrsein von den sich ansammelnden Erinnerungen gereinigt wird, verschwindet das zielorientierte „Ich“, das in Konflikte verstrickte „Ich“, denn Sie haben Ihr Haus in Ordnung gebracht.
Krishnamurti, Das Licht in dir

Während ich gebannt zuhöre, drängt sich mir eine Frage auf: „Sie sagen, Ihr Krebs sei eine Strafe.  Was halten Sie von dem Gedanken, dass der Krebs eine Chance für ein bewussteres Leben war? Ich würde fast behaupten ein Geschenk.“

„Ja“ sagt Sie erleichter, das stimmt unbedingt. „Die Suche nach Erkenntnisse und  inneren Friede, hätte ich ohne meinen Krebs wahrscheinlich nie begonnen.“

Ich frage weiter,  was glauben Sie: „Gibt es überhaupt ein höheres Ziel im Leben?“ Da lächelt Sie: Nein, Ihr sei nichts anderes bekannt!

In einem Gefühl tiefer Verbundenheit verabschieden wir uns.  Als ich Sie zwei Wochen später sehe, ist Sie deutlich geschwächt, auch reden und essen möchte Sie nicht mehr. Noch immer ist Sie sehr klar und verweigert jegliche Medikamente. Ein paar Tage darauf stirbt Sie.

Es erfüllt mich immer noch mit tiefer Freude und Dankbarkeit, wenn ich an unsere Begegnung denke. Kein Zitat würde besser zu dieser Frau passen:

Schönheit ist dort, wo Ordnung ist – in einem klaren, nicht verwirrten Geist, in dem absolute Ordnung herrscht.
Krishnamurti, Das Licht in dir

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Ein Gedanke zu „Hospiz – näher am Leben geht es nicht!“

  1. Traurig aber gleichzeitig sehr schön zu lesen. Ich bin gerade in der Situation einen geliebten Menschen auf dem letzten Weg zu begleiten und möchte es ihm so schön wie möglich machen , darum sauge ich alles an Informationen in mich hinein. L.g.Anja

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